Blatt Eins – Foglio Primo

Paläste und Justiz – Palazzi e Giustizia

Verachtung oder Mitleid?

Refugees – Mit kurzen, knackigen Blogs hat es Aras Bacho innerhalb kurzer Zeit geschafft, bekannt zu werden. Und einen Teil seiner Biographie zu verlieren.

Der abendliche Spaziergang durchs Netz versprach richtig spaßig zu werden. Aras Bacho, „18 Flüchtling aus Syrien“ wie es in der dürren Personenbeschreibung des Blogaccounts bei freitag.de heißt, hatte kurz ausgeholt und dann kräftig zugelangt: Arabisch auf allen Verkehrsschildern, Lebensmittelpackungen und natürlich auch bei Prüfungen. Und bitte überall in Europa, so seine Forderung. Denn das fördert die Integration.

Aus der Warte eines in Bayern Domestizierten ist das eine satirische Meisterleistung. Wer erinnert sich nicht an „Man spricht deutsh“ von 1988, da Gerhard Polt zum Ottograffiefähla gleich das gehörige Sittenbild geliefert hat: „Schön hier, was? Hier wohnen übrigens ausschließlich Deutsche, ein paar Schweizer auch noch; Italiener lassen wir, speziell hier, überhaupt nicht mehr rein!“ Die Szene spielt sich, wohlgemerkt, im Norden Italiens ab, in einer deutschsprachigen Enklave (oder gated Community oder Parallelwelt). Der Spiegelungseffekt, den ich mir jetzt ganz auf der Seite des als integrationspflichtigen Syrers vorstellte, war einfach unwiderstehlich. Die ersten Reaktionen in den Kommentaren unter diesem wie zu dem parallelen Beitrag bei Huffingtonpost waren und sind vielversprechend für alle, die hier einen idealen Nährboden für einen Shitstorm sehen.

Das war schon vorher so gewesen, als Aras Bacho titelte: „Die Wutbürger sollten Deutschland verlassen„. Oder: „Flüchtlinge sollten Geld vom Staat bekommen„. Das wurde aus den erwartbaren Ecke folgerichtig angeschmeckt. Egal ob der kleine Akif, die Klientel im Kommentariat von PI oder sonst irgendwie besorgniserregenden Bürger: Die Mär von der Hängematte, in der sich der faule, kriminelle  Südländer räkelt und kassiert, war bestätigt. Und natürlich denken die Pappkameraden nicht im Traum daran, sich an die alte bundesrepublikanische Weisheit zu halten: Wenn’s Dir nicht passt, geh doch nach drüben.

Wie bei fast jedem Gang auf nicht befestigtem Untergrund rutschte mir aber ein Steinchen in den Schuh. Warum hatte Huffington Post ausgerechnet den Beitrag vom 12.10. gelöscht, in dem Bacho Richtung Wutbürger höflich gebeten hatte: „Geht am besten nach Amerika zu Donald Trump, er wird euch sehr lieb haben. Wir haben euch satt!“ Wegen der falschen Himmelsrichtung? Wegen einer Ingerenz in den amerikanischen Wahlkampf, der bekanntlich völlig offen ist?

Bei gründlicher Einkehr bin ich auf ich auf eine interessante Spur gestoßen. Auf einer weiteren Blogplattform, die grundsätzlich frei zugänglich ist und gleichzeitig redaktionell betreut wird, war vor zwei Wochen ein „Offener Brief an Aras Bacho“ veröffentlicht worden. Der Beitrag von Ronai Chaker wurde von der in Wien basierten Plattform „Fisch und Fleisch“ auf Facebook und Twitter als Empfehlung weitergetragen. Tenor: „Lieber Aras, ich halte deine Blogs nicht nur für verständnislos, sondern auch für undankbar gegenüber der deutschen Bevölkerung, die sich sorgen um ihre eigene Identität macht.“

Was folgte, kann ich nur als Drahtseilakt bezeichnen: Von einer indirekten Kontaktaufnahme zwischen Chaker und Bacho zu einem Eintrag von Chaker auf der Facebook-Präsenz von Bacho bis hin zu einer Stellungnahme, in der Frau Chaker ein von ihr erstelltes Video präsentiert (update: Binnen der letzten 14 Stunden sind der Eintrag und das Video wieder verschwunden). Darin versucht sie zu erklären, warum sie „nun eine andere Sicht auf diesen Fall“ hat. Die Botschaft: Dass „man einem 18jährigen, der einen Genozid überlebt hat und hier von muslimischen Schulkameraden umgeben ist, keine kritische Haltung zum Islam zumuten darf, weil es für ihn sehr gefährlich werden kann und dass sie das alles aus eigener Erfahrung kennt – hier mitten in Deutschland.“

Ich lege zur Seite, dass Frau Chaker sich ausdrücklich für die AfD engagiert und für sogenannte Identitäre tiefe Gefühle hegt. Ebenso lege ich beiseite, dass die versuchte Adressierung der Veröffentlichungen von Aras Bacho, sie seien manipuliert, ihrerseits einen Versuch der Manipulation darstellen könnte.

Erst recht schließe ich in den hintersten Winkel des Kellergeschoßes, dass christliche Herkunft, wie von der CSU jüngst zur Geeignetheit von Einwanderern ausgerufen, von der katholischen Kirche deutscher Prägung als Merkmal zurückgewiesen wurde. Man täusche sich nicht: Bereits anno 1220 fanden kirchliche (Papst Honorius III.) und weltliche Macht (der Staufer Friedrich II.) bei allen sonstigen Gegensätzen die Einigung, Katharer, Paterener, Speronisten, Leonisten, Arnoldisten, Beschnittenen (Juden und Sarazenen) und alle Häretiker beiderlei Geschlechts mit Bannfluch zu belegen. Das ist nicht AfD, nicht CSU oder ein freundlicher Bischof. Das ist die Wirkmächtigkeit von 800 Jahren abendländischer Kultur- als Verfolgungsgeschichte.

Entscheidend ist für mich, da ich also meinen abendlichen Spaziergang auf einer Parkbank sitzend unterbreche und sich mir ein anderes Panorama bietet: Frau Chaker und Herr Bacho sind beide zum Ziel geworden. Die Folge ist, dass die eine sich, bis auf Twitter, aus Social-Media zurückgezogen und der andere ebenfalls vieles von dem, was er veröffentlicht hatte, wieder zurückgenommen hat. Oder es ihm genommen wurde. Beide haben in kürzester Zeit einen Teil ihrer aufgeschriebenen Biographie schon wieder verloren.

Damit geht es ihnen nicht anders als vielen anderen kritischen Geistern auch. Beide stehen unter permanenter Beobachtung. Etwa wenn ein offenkundiger Fakeaccount „Aras Ba“ bei Facebook brühwarm Richtung AfD oder Frauke Petry denunziert. Oder die sattsam bekannte online-Kamarilla des Hasses in das konkrete Leben eingreift und einer Frau mit Vergewaltigung droht. Zynisch könnte man feststellen: Sie sind tatsächlich in Deutschland angekommen.

Aber einen Unterschied gibt es. Die Überschrift, die ich hier vorangestellt habe, habe ich einem besonders absurden Blog bei Fisch + Fleisch entnommen. In ihm rechnet der Accountinhaber, der sich sinnigerweise „Nachdenken hilft“ nennt, seine Familiengeschichte seit der vertriebenen deutschen Urgroßmutter gegen die aktuelle Flüchtlingsgeschichte auf. Kein nachdenken, aufrechnen. Übrig bleibt nur eine schwiemelnde Emotion.

Sie geht besonders tief, denke ich während ich mich müde von der Parkbank erhebe, wenn „der Flüchtling die Frechheit besitzt“, selbst zu denken. Sie, die Flüchtlinge, sollen bitte elend sein und bleiben und wund und des Schutzes bis zur Rückschubung beständig bedürftig und dafür fortwährend dankbar. Während ich mir vor dem inneren Auge noch einmal die keineswegs professionellen, aber schönen Fotos von Aras Bacho vergegenwärtige, seinen darin zum Ausdruck kommenden begeisterten, erstaunten, neugierigen Blick, frage ich mich:  Wie oft soll Menschenrecht noch und wieder in Parzellen aufgeteilt werden, bis begriffen wird, dass es unteilbar und unveräußerlich ist?

Wer sich vorstellen will, wie schnell Radikalisierung gehen kann, muss nur den Maßstab anlegen, mit dem die Person missachtet wird; wie brutal und radikal Träume und Hoffnungen („Die Welt mit Fotos verbessern„) junger Menschen nach Flucht und Vertreibung abermals zerstört werden. Amüsant ist das wirklich nicht, für zu viele aber nicht einmal lehrreich.

Nizza, 14.07.2016

Politmanege „fisch + fleisch“

Äh, ja .. und das war es dann auch schon wieder mit fisch+fleisch. Für mich jedenfalls.

ff 20160701

Die redaktionelle Entscheidung, einem bekennenden Militaristen „mit Outdoorqualitäten“ ein Forum zu bieten, ist dabei nicht ausschlaggebend. Auch Arnie wurde schließlich Governor. Sondern Behauptungen ersten Rang („Thema des Tages“, 1.7.2016) zu geben, die FPÖ sei sozusagen ideologiefreie Zone und Alexander Van der Bellen  dagegen ein Demagoge, ist die zur Kenntlichkeit gebrachte Linie eines online-Mediums, das sich nicht nur einspannen lässt: Es will exakt an dem Front National mitmischen.

Dass die Redaktion von f+f Lügen befördert, ist keine Vermutung, sondern Tatsache. Der von ihr lancierte, weil hervorgehobene Beitrag behauptet: „[Mit ihrer Wahlanfechtung] zeigt die FPÖ den Linken nicht nur, wie Demokratie geht, sondern sie beweist auch, dass sie dazu in der Lage ist, komplizierte Sachverhalte richtig einzuschätzen. Anders eben als ganz offensichtlich die Linken, Grünen und Alexander van der Bellen. Denn diese hatten sich über die Beschwerde amüsiert und Hofer als schlechten Verlierer dargestellt. Alle, die das anfangs behaupteten, waren sogleich Verschöwrungstheoretiker“.

Das steht, bezogen auf Alexander Van der Bellen, im klaren Kontrast zur Erklärung des Kandidaten vom 18. Juni: „Es ist unser aller Recht, Österreichs Institutionen anzurufen. Und es ist unser aller Pflicht, deren Entscheidungen zu respektieren. Vertrauen wir in unsere Demokratie, vertrauen wir in unseren Rechtsstaat.“

Abgesehen von den Rechtschreibfehlern ihres Autors: Die Redaktion von f+f hätte kurz und einfach Tatsache vs. Fiktion nachrecherchieren können, bevor sie Herrn Friedrich zum chosen one machte.

Der Vertrauensbruch, den dieser Thomas Friedrichs probt und der von dieser Plattform transportiert wird, ist die Methode der Faschosphäre, egal ob in Österreich oder Deutschland: Sich selbst als neutral und demokratisch zu zelebrieren, nach Möglichkeit mit „#Meinungsfreiheit“ versehen, um genau das Gegenteil zu tun und mitzuteilen.

Oder wie Mely Kiyak unlängst schrieb: „Widersprüche sind für Rechtspopulisten wie Gleitmittel. Damit schlittert es sich schön glitschig gut durch das Reich der Irrationalität.“

Von der Gerontokratie und anderen Ammenmärchen

Brexit – Das Narrativ, dass „die EU mehr spaltet als eint“, wird kräftig unterstützt. Auch und erst recht durch Leitmedien und nun mitten durch Generationen.

Derzeit ist viel davon zu lesen, dass „die Alten“ im Vereinigten Königreich „die Jungen“ ausgebremst und deren Zukunft verbaut hätten. Huffington Post titelt hart: „EU Referendum Results – Young ‘Screwed By Older Generations’ As Polls Suggest 75% Backed Remain.“ Das basiert auf einer Mitteilung, die dem Marktforschungs- und Beratungsinstitut YouGov zugeschrieben wird und am Morgen des 24. Juni ab ca. 08:00 Uhr MESZ in Windeseile per Social-Media verbreitet wurde.

Tatsächlich ist das Schaubild das Produkt eines unbekannten Autors, der sich der am 21.6. veröffentlichten Erhebungen von YouGov bedient hat, die freilich ganz andere Aussagen traf. Erkennbar wäre die zweifelhafte Urheberschaft alleine schon daran gewesen, dass der Satz „Those who must live with result of the EU …“ eine politische Affirmation darstellt, die dem Institut bislang jedenfalls fremd ist. Gleichwohl haben auch sonst so kritische Rezipienten wie der sehr bekannte Moderator des ORF Armin Wolf den Tweet zur Vervielfältigung bereit gestellt.

Endgültig relativiert wurde die Aussage aber mit der Einfügung der Wahlbeteiligung in den jeweiligen Altersgruppen:

Soll uns das jetzt sagen, dass „die Jungen“ doch selbst schuld sind? Weil sie sich auf dem Aquis ihrer Zeit ausgeruht haben, statt sich offensiv für ihre Freiheiten einzusetzen? Den Rest des Beitrags lesen »

Isolation, verwundbar statt wunderbar

Brexit – Das gestrige Volksvotum schließt die Angehörigen des Vereinigten Königreichs von der Unionsbürgerschaft aus. Es sei denn, das Parlament in London findet einen Ausweg.

Die Konsequenz aus der gestrigen Befragung zum Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union wäre so naheliegend wie einfach: Ab sofort ist nicht nur dieser Staat Ausland. Denn das ist aus der generellen Warte der einzelnen EU-Mitgliedstaaten ohnehin die Sichtweise zu- und untereinander. Sondern es wären seine Angehörigen als reine Ausländer zu erachten.

Den Unterschied macht, anders als das Schengener Abkommen, die Freizügigkeitsrichtlinie 2004/38/EG. In Deutschland mit dem Freizügigkeitsgesetz vom 2004, im VK mit den Immigration (European Economic Area) Regulations 2006 in jeweils nationales Recht transformiert, ist es der Kern europäischer Freiheit der Person – als Unionsbürger innerhalb der EU überall hingehen, sich niederlassen und arbeiten zu können. Mit den Worten des deutschen Parlaments, mithin seines Gesetzgebers: „Unionsbürger bedürfen für die Einreise keines Visums und für den Aufenthalt keines Aufenthaltstitels.“

Auf dieses Privileg als Unionsbürger haben die Angehörigen aus dem VK gestern erklärt, verzichten zu wollen. Den Rest des Beitrags lesen »

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