Vögeln und verlieren

von Marian Schraube

Filmfestspiele – Selten sind Glanz und Elend eines politischen Systems so sichtbar wie dieser Tage in Italien

Wenig mehr als ein Monat ist es her, dass Sacro Gra den Goldenen Löwen in Venedig gewonnen hat, in der taz Grund für skeptisches Kopfschütteln. Oder bei Focus, wo der  Dokumentarfilm von Gianfranco Rosi angesichts einer Jury unter Vorsitz von Italiens Altmeister Bernardo Bertolucci mit einem Wort: „Heimsieg“ ins Abseits gestellt worden ist. Wem würde es im automobilen Hier auch einfallen, einer sechsspurigen Autobahn ein filmisches Denkmal zu setzen; selbst die Avus ist nur Ausläufer der A115 und gewiss nicht preisverdächtig.

Wer aber diese äußere Grenze um Rom, den Grande Raccordo Anulare, erst einmal stadteinwärts überwunden hat, erfährt eine andere Welt. Die der Macht, die im nach wie vor zentralistisch organisierten Italien aus der Hauptstadt ihre einmalige Kapitale gemacht hat.

Der (in)diskrete Charme der Bourgeoisie

Hier waren die Salotti bis in die späten 1990er ein offenes Geheimnis. Die ungezwungen scheinenden abendlichen Zusammenkünfte in den Salons alteingesessener römischer Familien folgten einer präzisen Regie: In der Öffentlichkeit unvereinbare Personen wie zufällig am Beistelltisch mit den Canapés und geistigen Getränken ins Gespräch kommen zu lassen. Oder um ein neues Talent in der Gesellschaft einzuführen. Mehr als eine Regierungskoalition wurde so geschmiedet, während mit der leicht hingeworfenen Bemerkung, dass den neuen Vorhängen der Hausherrin der gewisse Touch fehle, ein anderes Bündnis sein Ende fand. Die res publica wurde so ganz diskret verhandelt.

Die Bezeichnung der inneren Zirkel hat sich verändert. Heute wird über cerchio magico, den magischen Kreis geschrieben, der eine mächtige Person umgebe. Daran glaubten Menschen völlig ironiefrei, die damit hochkarätige Berater, formidable Denker assoziiert haben, die den Lenker in öffentlichen wie staatstragenden Dingen unterstützen – eine ehrfurchtgebietende Konzentration von Know-How und Savoire-faire.

Wie prosaisch die Verhältnisse sind, durften die Italiener zunächst zu Umberto Bossi erfahren. Aus Sorge um ihren Ernährer nach dessen schweren Schlaganfall 2004 bestand der Kreis aus Ehefrau, 2 Söhnen und dem Schatzmeister der von Bossi gegründeten und seit 2 Jahrzehnten geführten Lega Nord. Rund 19 Millionen Euro sollen vorläufigen Ermittlungen der Polizei zufolge bis vergangenen August wie von Zauberhand aus der Parteischatulle in das familiäre Nähkästchen überführt worden sein. Während der schwer gezeichnete Patriarch Wahlkämpfe führte, um seine Partei weiterhin gegen Roma ladrona, das diebische Rom in Position zu bringen.

„Heilige Kreise“ der Macht

Noch profaner sind die Erkenntnisse für das Publikum vergangenen Donnerstag gewesen. In der vom politischen Establishment besonders gefürchteten TV-Sendung Servizio Publico war die Schauspielerin und Autorin Michelle Bonev aufgetreten. Mit ihrem Regiedebüt Goodbye Mama hatte die aus Bulgarien stammende Dragomira Boneva 2010 bei den Filmfestspielen von Venedig einen Spezialpreis  „Women for action“ erhalten. Ausgelobt für ein Filmwerk, das „die Gewalt und Diskriminierung gegen Frauen“ thematisiert, habe Bonev den Preis, wie sie nun bekannte, als persönlichen Gefallen des damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi erhalten. Der habe dafür seinen Kulturminister Sandro Bondi in die Spur geschickt, um für eine entsprechende Vergabe und medienwirksame Präsentation in Venedig zu sorgen. So wie auch der Staatssender RAI verpflichtet worden sei, eine andere Produktion von ihr für eine Million Euro zu übernehmen.

Freilich war das ebenfalls ein offenes Geheimnis, denn in der Folge kam es zu einem diplomatischen Eklat zwischen der bulgarischen und der italienischen Regierung, wer die Kosten (rund 300.000 Euro) für die extra zur Preisverleihung aus Bulgarien eingeflogenen Gäste tragen muss. Und zwar derart, dass Bonev danach kaum mehr Aufträge erhielt.

Um „die Miete zahlen zu können“, habe sie schließlich an den „speziellen Abenden“ des Tycoon teilgenommen und sei sogar ein Verhältnis mit dessen derzeitiger Verlobten Francesca Pascale eingegangen. „Aber“, so Bonev, „es gibt Augenblicke, da die Ohrfeigen derart schallend werden, dass du erkennst, dass es das nicht Wert war; du hast dich kompromittiert, du hast alles getan, um etwas zu erreichen selbst um den Preis des Selbstbetrugs, von anderen gemocht zu werden und andere zu mögen, du aber tatsächlich ein Nichts für sie bist, eine Marionette in den Händen der Macht.“

Prostituierung der öffentlichen Sache

Die Schilderung ist nicht nur Bestätigung von Andeutungen in Zeitungsartikeln von vor drei Jahren. Oder eine Fortsetzung eines dritten offenen Geheimnisses, dass die Casting-Couch zwar im Film- und TV-Geschäft existiert, aber auch eine Praxis sei, um Kandidatinnen für politische Ämter auszuwählen. Für die Partei Popolo della Libertà (Volk der Freiheit) des Politikers, Unternehmers und mittlerweile vorbestraften Steuerbetrügers, der sein politisches Subjekt am Höhepunkt der Macht „Partei der Liebe“ nannte. Und es ist, schließlich, nicht lediglich Boulevard oder Gossip, wie es in Italien genannt wird.

Sondern, wie der Journalist Marco Travaglio in der Sendung bemerkte, dass sich darin das ganze Ausmaß des Systems des Berlusconismus offenbart. Vom unbedingten Willen, etwas zu erreichen (nur was?) und dafür alles in Kauf zu nehmen wie zu verlangen bis hin zur Tatsache, dass das Private selbst zur Sache der Öffentlichkeit wird; wenn etwa mit öffentlichen Fernsehgebühren „eine Freundin des Satrapen“ alimentiert wird.

Der Glanz der Selbstinszenierung hat unterschiedliche Wege genommen. Waren die Salons ein Ausdruck diskreter Bourgeoisie, die Parteien miteinander verknüpfte, ist der Aufstieg der Leader, die ab Ende der 1990er Jahre die politische Bühne betreten haben, plakativ von einem auf die Person zugeschnittenen Nimbus begleitet worden.

Die Lega Nord, deren Mitglieder sich ihrer „keltischen Abstammung“ rühmen, um sich von den Landsleuten südlich von Modena abzugrenzen und um das eigene Herrschaftsgebiet „Padanien“ zu markieren, verfielen dazu in neo-pagane Riten: Von den thing-ähnlichen jährlichen Versammlungen der „padanischen Völker“ bis zur Opfergabe einer Ampulle Quellwassers von „Gott Po“ in der Lagune von Venedig. Hier zelebrierte sich Bossi wie ein Hohepriester, der ursprüngliche Führungszirkel mit seinen Getreuen war ordensgleich und daher mit allem Ernst als sakral verstanden.

Anders der Unternehmer, der sich das Attribut der Unbesiegbarkeit zu Eigen gemacht hatte, im Geschäft, in der Politik, gegen die Justiz. Der sich das Parlament, sobald er die Stimmenmehrheit erlangte, mit ihm persönlich förderlichen Gesetzen dienstbar gemacht hat und damit die Vertretung des Volkes. Und der dieses Attribut über seine Medienmacht populär machen konnte, gleich ob in verlagseigenen Hochglanzmagazinen, Tageszeitungen oder im TV.

Die „Kaste“

Beides hatte bis vor Kurzem der Nimbus der Undurchdringlichkeit ausgezeichnet, und weil es funktionierte, etwas gewollt Mythisches an. Woraus auch das Feindbild der jungen Partei der 5 Sterne herrührt: „Die Kaste“, ein sozial undurchlässiges, feudal geprägtes System an dem ein ganzer Subkontinent leidet. Diese Exklusivität ist vorerst, in der Übergangszeit einer Besinnung auf Bescheidenheit, perdu.

Aber eine andere Frage ist, ob nicht doch nur alte Gewohnheiten im System Berlusconi weitergelebt haben, von denen die Menschen in Italien sich dadurch rein zu waschen glauben, dass sie den Namensgeber in die Wüste schicken; damit alles „ohne Schuld“ von vorne beginnen könne – das Private mit dem Öffentlichen zu vermischen, nur der Form halber wieder etwas diskreter.

Diese und andere unreine Gedanken begleiten jeden, der die letzten 20 Jahre bewusst erlebt hat. Sicher auch Gianfranco Rosi, der mit dem anderen nur den Nachnamen teilt. Mit Le mani sulla città (Hände über der Stadt) hatte Francesco Rosi einen vielbeachteten dramatischen Film (1963 Gewinner des Goldenen Löwen) gedreht, in dem es um Korruption und Bauspekulation ging. Ohne Bezug auf Berlusconi, der zu der Zeit ein völlig unbedeutender Bauunternehmer war, der sich mit Hilfsaufträgen mühsam über Wasser hielt. Aber prophetisch, da der spätere Erbauer von Milano Due das Fundament seiner Karriere mit Geldern unbekannter Herkunft, Zement und Bestechung legte.

Gianfranco Rosi fragt, wo wir in der Zwischenzeit angekommen sind. In einer sehr schönen Rezension lässt Sophie Charlotte Rieger für kino-zeit.de die symbolischen Bedeutung offen und lobt die Qualität: „Menschen, die irgendwo zwischen diesen Polen schweben“, zwischen „Berühmtheiten und Normalos“, zu Wort gelassen zu haben. Unverfälscht wie unprätentiös.

Stadtumfahrungen,  (post)moderne Befestigungsanlagen

Aber auch das ist mitzudenken: Die 6 Mauerringe, die Rom bis heute sichtbar umgeben und in ihren Ursprüngen den heiligen Bezirk der urbs umfassten, sind um die 7. des GRA erweitert worden. Innerhalb der geographischen Scheidung durch die Autobahn sitzt nicht nur die Zentrale der katholischen Kirche, sondern auch die sich selbst mit Attributen der Heiligkeit versehene ganz irdische Macht. In der Ewigen Stadt hat nur noch Zutritt, wer sich dem System ergibt und damit auch die teuren Mieten zahlen kann. Etwa für den PKW-Stellplatz, der allein ab 700 Euro/Monat zu verhandeln ist.

In den letzten 20 Jahren ist der GRA in dem Maße ausgebaut und verbreitert worden, wie das System gediehen ist: An seinen monumentalen Böschungen ist das Leben so wie zur Zeit der aurelianischen Befestigungen in innen und außen getrennt.

Es wäre also leicht, den Filmtitel schlicht als Verballhornung von Heiliger Gral aufzufassen, als Symbol einer automobilen Gesellschaft, für das hierzulande „des Deutschen liebstes Kind“ geprägt worden ist. Im Gegenteil ist der Film, in einer anderen Sprache, ein Beispiel dafür, was im politischen Deutschland als Gentrifizierung bekannt die Verdrängung durch Exklusivität bewirkt. Die natürliche Grenze, was noch innerstädtisch sein mag, wird schon lange nicht mehr von einem Altstadt- oder Mittleren Ring markiert, sondern von Hochgeschwindigkeitsumfahrungen: Von dort in das Zentrum vorzudringen, bedarf immer mehr Sondergenehmigungen – in München, Paris oder eben Rom.

Die Civitas, die sich an diesen Wallanlagen der (Post?)Moderne aus Angebrandeten, Ausgeschlossenen, Gehetzten und Träumern bildet, zu dokumentieren, statt sie abermals im Glamour eines Spielfilms auszubreiten, ist eine zeitgemäße Antwort. Zu wünschen ist, dass sie auch übersetzt wird. MS

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