Der sonderbare Protest

von Marian Schraube

Winterspiele Sotschi – Das IOC will „Sonderzonen für Demonstrationen“ errichten. Das klingt gut und ist mehr als nur ein Werbe-Gag

Eigenartiges geht derzeit in der Welt des Sports um: Sie hat das Politische ihrer Spiele wiederentdeckt. Denn es ist der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Thomas Bach und nicht etwa Russlands Präsident Vladimir Putin, der da zitiert wird: Dass in Sotschi „Sonderzonen für Demonstrationen“ eingerichtet werden, wo es möglich sein soll, seine Meinung „für oder gegen etwas“ zum Ausdruck zu bringen. So sei es von dem russischen Organisationskomitee zugesichert.

Die Liebe zur freien Äußerung der eigenen Meinung war in der Sportlerfamilie, nicht immer so manifest, speziell nicht in der olympischen. Ihr reichte etwa 1936 alleine die Leistung eines Jesse Owens -dem, weil „Neger“, der höchste Ausrichter der damaligen Spiele den Handschlag verweigern wollte- als Botschaft. Für seine kritischen Äußerungen zum Rassismus im sog. Deutschen Reich wurde Owens dagegen aus den eigenen Reihen heftig angegangen.

Ebenso begnügte sich das IOC mit der Nominierung von „Alibijuden“ in der deutschen Mannschaft: Nach Abwendung der Boykottgefahr für die Spiele zu Berlin war deren Schicksal den blasierten Herren vom Komitee kein Wort mehr wert.

32 Jahre später erging es Tommie Smith und John Carlos bei den Sommerspielen von Mexiko nicht viel anders, nachdem sie bei ihrer Ehrung als Sieger die Faust in den Himmel gereckt hatten. Sie wurden ihr Leben lang für die gezeigte Haltung zur eigenen Befreiungsbewegung mit Hass verfolgt. Das war die gleiche Zeit, als Muhammad Ali der Titel eines Boxweltmeisters aberkannt wurde, weil er den Kriegsdienst verweigert hatte.

Die olympische, eine Parallelwelt von Profis und Profit: Abweichung unerwünscht

Das Politische vom Sportlichen vordergründig zu trennen, ist schon immer ein getragenes Element von olympischen Spielen gewesen. Die zeitweilige Pause vom Konflikt, das Element der Völkerverständigung sind freilich mit der Kommerzialisierung der Events in eine entscheidende Phase getreten. Denn mit dem Anspruch, ein quasi extraterritorialer Sonderort des Friedens zu sein, ist die Erwartung einhergegangen, unbeeinträchtigt vom Unbill des Weltgeschens dem Geschäft nachgehen zu können.

Die äußere Trennung in Veranstalter (das IOC und seine Organisationskomitees) und Ausrichtungsorte war der Schritt von der Idee zum Geschäftsprinzip: Die Kosten für die monumentalen Bauten -Anlass für jede Nation, sich und ihren Lenkern Denkmäler zu setzen- sind seither vor Ort sozialisiert, die Meriten dagegen nebst üppigen Gewinnen aus dem Sponsoring werden von dem eingetragenen Verein Schweizer Privatrechts namens IOC kassiert.

Entstanden ist eine profitable weltumspannende Parallelwelt aus eigenen Hierarchien, selbständigen Erwerbsregeln und einer von staatlichen Aufsichten weitgehend losgelöste Normsetzungs- wie Durchsetzungsbefugnis. Bis hin zu den kürzlich verabschiedeten vierjährigen Wettbewerbsverboten als Regelstrafe für verbotene Leistungssteigerung – ein faktisches Berufsverbot, das nicht nur in Deutschland formell wie materiell rechtsstaatlich äußerst fragwürdig ist.

Dass aber die Verselbständigung nicht bedeutet, völlig aus der Welt fallen zu können, wies sich an den Boykotten von Moskau und Los Angeles. Die proklamierte Neutralität des Sports drohte an deren Blockbildung definitiv zu scheitern. Und zeigte mit aller Deutlichkeit, wie fragil in Wirklichkeit das Konstrukt ist, „den Sportler“ und seine Wettkämpfe als politische Neutren zu zelebrieren.

In Russland ist die Ahndung sozialen Verhaltens zur Norm erhoben

Auch jetzt, in Sotschi, kann und wird das Bild von der „großen Familie“ schwerlich übertünchen können, dass Sportler in erster Linie Menschen sind, die nicht darauf reduziert werden können, sich in einer Arena zu Markte zu tragen. Denn egal ob es um Pigmente in der Haut geht oder um die sexuelle Orientierung – sich selbstbewusst dazu zu bekennen mag wie in der Vergangenheit aus opportunen Gründen unwillkommen sein.

Aber zum Schweigen kann das nicht gebracht werden. Das gilt erst recht für die Menschen, die zusammen mit ihrer Begeisterung für die Athleten das Kapital in Form von Eintrittsgeldern, dem Kauf von Waren aus dem Merchandising oder für die Übernachtungen mitbringen, von dem der Kreislauf lebt. Im Gepäck haben sie unvermeidlich ihre Zustände wie Ansichten.

Der potentielle Konflikt ist also vorprogrammiert, da der Austragungsort in einem Land liegt, das die offene Diskriminierung per Gesetz wieder eingeführt hat. Mit dem Verbot von „Propaganda für nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen“, das selbst den freundschaftlichen aber gleichgeschlechtlichen Kuss zur Strafverfolgung ausschreibt, hat die russische Duma nicht etwa nur „Minderheitenrechte“ verletzt, wie es gelegentlich beschwichtigend heißt. Die russische Legislative hat vielmehr die Ächtung sozialen Verhaltens zu einer Norm erhoben.

Damit geht vor allem Thomas Bach nach Gutsherrenart um. Nicht etwa die Aufhebung jenes Propagandagesetzes hat ihn umgetrieben. Erst die „Wohlfühlgarantie“ des mit umfassenden Exekutivbefugnissen ausgestatteten Präsidenten Vladimir Putin, die Wirkung örtlich und zeitlich zu beschränken, hat den kürzlich gewählten Obersten des IOC beruhigt.  Damit aber wird nicht nur die in Russland begonnene Diskriminierung perpetuiert, sondern zusätzlich das ohnehin bekanntermaßen brüchige Legalitätsprinzip mithilfe des IOC mit Füssen getreten.

Das kollusive Wirken des IOC-Präsidenten

Von dieser Logik macht die Errichtung von „Sonderzonen für Proteste“ keine Ausnahme. Denn was danach klingt, dank des Sports Erleichterungen für die Menschen vor Ort zu bewirken, ist im Gegenteil das grundsätzliche Anerkenntnis der Verbote, mit denen sie drangsaliert werden. Was aber mit ihnen geschieht, wenn sie an diesen Orten audiovisuell erfasst worden sind, entzieht sich zynisch wie folgerichtig der Verantwortung des IOC, wenn der Zirkus weitergezogen ist.

So sehr Thomas Bach auch betonen mag, dass „Sport ein Menschrecht“ sei und daher „für alle ungeachtet von Rasse, Geschlecht und sexueller Orientierung verfügbar sein“ sollte: Die Aussage ist nur richtig bezogen auf die von ihm repräsentierte Parallelwelt der professionellen Athletik. Außerhalb dessen ist es eine schlichte Berufswahl zu deren besonderen Konditionen. Dazu gehört keine, die Vergangenheit hat es gezeigt, ausgeprägte politische, geschweige denn demokratische Kultur. Die Gegenwart bestätigt den Befund.

Der derzeitige IOC-Präsident hat mit seiner Geste allenfalls gezeigt, dass hier höchste Exekutivchefs miteinander auf Augenhöhe verhandeln, um im gegenseitigen Interesse den jeweils anderen in dessen Sphäre nicht zu stören, wenigstens nicht übermäßig. Den Menschen hat Bach damit aber nicht aufgeholfen, weder den Athleten noch dem Publikum, am wenigsten den Betroffenen in Russland.

Die „Sonderzonen für Protest“ sind nicht einmal eine Geste, sondern die Fortsetzung der eigentümlichen olympischen Anwandlung, dass Freiheit ein Sonderrecht sei. Und ganz schlecht fürs Geschäft. MS

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