Der Mitspieler

von Marian Schraube

Kasino-Kapitalismus – Gäbe es den Warnhinweis der staatlichen Lottieren nicht, man müsste ihn für den derzeit noch laufenden Strafprozess in München erfinden: Spielen kann süchtig machen

Auf der Anklagebank sitzt einer, dessen physischen und technischen Fertigkeiten zuerst in den Vereinen, später in der deutschen Nationalmannschaft für Furore sorgten. Zauberlehrling wurde er damals genannt, eine der Zeit geschuldeten Untertreibung für einen Spieler, der heute ohne Weiteres als Fußballgott durchginge. Wie ein Lionel Messi. Und auch der hat schon Schwierigkeiten mit dem Fiskus, wie man hört.

Mit Uli Hoeneß wird aber bereits dessen Lebensleistung von 62 Jahren bewertet. Seine rasanten Flügelläufe und das dabei bewiesene Durchsetzungsvermögen haben ihn auch nach der sportlichen Karriere begleitet. Gleich ob im heimatlichen Wirtschaftsbetrieb oder als Chef des FC Bayern München: Die Robustheit seines Auftritts ließ wegen des damit verbundenen Erfolges immer den Schluss zu, dass das nicht nur zum Spiel gehört, sondern ein Erfolgsrezept ist.

Der Spieler Hoeneß hat sich zielsicher in die Sphäre der Global-Player hochgearbeitet. Wer sich alleine die Ablösesummen auf dem Transfermarkt anschaut, die die Handvoll Spitzenclubs heute bereit sind zu zahlen, könnte eine innere Weltwirtschaftkrise bekommen – der Fußballverein aus München gehört dazu und ist schon längst eine Aktiengesellschaft.

Dass derart die Biographie herangezogen wird, um augurenhaft das künftige Schicksal des Angeklagten Hoeneß vorher zu sagen, ist nicht erstaunlich. Seitdem die Deutschen von einem Volk von verhinderten Schiedsrichtern auf dem Rasen zu solchen in Roben geworden sind, wird ganz ernst die Frage erörtert, ob nicht die Spendenfreudigkeit sich zugunsten des Strafmaßes auswirken könnte, müsste, sollte. So gnädig war man mit Alice Schwarzer nicht. Obwohl nicht einmal eine Anklagebank in einem Gerichtssaal auf sie wartete, ist sie als Ikone bereits gestürzt. Man ahnt, an der Lebensleistung kann es nicht wirklich liegen.

Eine Schuld mit vielen Nullen

Aber vielleicht an der Unfähigkeit, über eine bestimmte Anzahl von Ziffern hinaus eine Vorstellung zu entwickeln. Fegt eine Mannschaft die andere, wie letzthin öfters gesehen, mit 6 zu 1 vom Platz, dann können die Unterlegenen es kaum fassen. Worte wie „Debakel“ machen die Runde. Aber was ist, wenn eben mal an die 150 Millionen Euro verzockt worden sind? Das ist ein derart ungeheures Vielfaches von jedermanns Lohntüte, dass es nur noch mit dem Motto einer bekannten europäischen Lotterieveranstaltung erklärt werden kann: Reicher als reich und ziemlich frei, damit zu tun, was beliebt.

Die Tristesse, sich mit Spielgeld an einen Tisch gesetzt, den Betrag multipliziert und dann wieder verloren zu haben, ist mittlerweile wohnzimmertauglich geworden. Die Berichte von einschlägigen Glücksspielturnieren sind längst nicht mehr spezialisierten Fernseh- als verdeckten Werbekanälen vorbehalten. „Pokerstars“ nennt sich etwa die Sendung bei Pro7 und lässt tatsächlich die Vermutung zu, dass es erstrebenswert sein könnte, mit Kartendreschen seinen Unterhalt zu verdienen.  Das Preisgeld von „100.000“ hat gerade so viel Nullen, dass es darstellbar bleibt.

Was aber wie bei jedem Glücksspiel verschwiegen wird, ist der Verlust. Egal ob es der Anfangseinsatz ist, das Antrittsgeld oder auch nur die Übernachtungskosten – es ist nicht nur ein Abschmelzen von geldlicher Substanz, die da im Raum steht. Bei Raab & Co. wird sie mit seichtem Geplaudere überspielt und mit Spannung erklärt. Das Beobachten des Gegners, seiner Züge, das Studieren des Gegenüber und hinter verspiegelten Brillen soll der Veranstaltung ihren Sinn geben.

Bezeichnenderweise hat Uli Hoeneß genau das, diesen „Kick, pures Adrenalin“ in den Mittelpunkt seiner öffentlichen Beichte bei der Zeit vom vergangenen Mai in den Mittelpunkt gestellt. Dabei hat er aber sorgfältig vermieden, das zu nennen, was nach seinem Höhenflug übrig geblieben ist. Es sind ziemlich genau die 20 Millionen, die seinen Worten zufolge als Spielgeld am Anfang gestanden hatten. Aber er hat verloren und nicht nur, was er zwischenzeitlich dreistellig gewonnen hatte. Wenn man die Steuerschuld, die er nun eingeräumt hat, als Mindestbetrag zugrundelegt und sie verzinst, wie es der Fiskus tut, kommt ein Betrag von mehr als 45 Millionen Euro heraus. Man darf bereits jetzt fragen, wie diese Schuld beglichen werden soll.

Deutungshoheit über gutes Geld und eigenes Leben

Mit der Causa Hoeneß wird aber jenseits der Fachfragen der Umstand bewusst, dass Spekulationen eben das sind: Ein Glücksspiel, egal ob mit Karten oder Papieren oder Devisen. Die Wetten auf das Steigen oder Fallen von Werten mag vielleicht mit Absicherungsgeschäften weniger riskant erscheinen und sich Hoeneß insoweit vielleicht als Amateur erwiesen haben. Aber der Wettvorgang bleibt: Pferd A ist  schneller, Ober sticht Unter, das Gold wird wieder teurer.

Uli Hoeneß hat nicht auf eine Einschränkung der Schuldfähigkeit plädiert, obwohl vieles darauf hindeutet, dass seine Einsichtsfähigkeit zumindest vorübergehend getrübt war. Er hätte damit seine Leistungen auch jenseits der Zockerei in Frage gestellt. Es wäre aber auch der Blick darauf ermöglicht worden, was eine „gesunde“ oder eine „ungesunde“ Beschäftigung wäre, die dem gesamten Sektor der Finanzdienstleistung Lohn und Brot gibt und nicht nur dem Investment-Banking.

An ihm bedienen sich Staaten zur Regulierung ihrer Schulden genauso wie mit der Verbuchung guten Geldes aufs eigene Konto vermittels Steuern. Und wo die von so vielen herbeigesehnte Finanztransaktionssteuer in etwa so viel Steuerungsfunktion entfalten würde wie die Glücksspielsteuer, der Umstand bleibt verdeckt – dass die Wette integraler Bestandteil des Wirtschaftens geworden ist. Es fehlt nur der Warnhinwies, dass so etwas abhängig macht.

Einer wie Uli Hoeneß wird in einem solchen System benötigt. Denn mit der Möglichkeit, ihn zu beurteilen, erlangen der Staat und mit ihm alle Freizeitrichter die Deutungshoheit über das gute Geld zurück. Weswegen alle mit dem anstehenden Urteil etwas anderes verbinden: Die Beurteilung von Lebensleistungen, der karitative Einsatz, die Verurteilung des Zockers. Alles, nur nicht die Tat.

Uli Hoeneß hat sich als echter Mitspieler erwiesen. Seine Vorlage war eine, die den Staat und ihre Anwaltschaft erst in die Lage versetzt hat, die Arena zu betreten. Und die Zuschauer sind insgesamt begeistert. Für sein Foul will Hoeneß die gelbe Karte statt der roten. Das ist nur fair. MS

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