Die Mannschaft

von Marian Schraube

Kasino-Kapitalismus – Uli Hoeneß hat seine persönliche Verantwortung konsequent übernommen. Das gibt eine günstige Sozialprognose. Aber nicht für seine Kollegen im Aufsichtsrat des FC Bayern

Das Worst-Case-Szenario, das seit Monaten über der Aktiengesellschaft namens FC Bayern schwebte, steht im Aktiengesetz: „Der Aufsichtsrat hat die Geschäftsführung zu überwachen“. Dazu kann er „die Bücher und Schriften der Gesellschaft sowie die Vermögensgegenstände, namentlich die Gesellschaftskasse und die Bestände an Wertpapieren und Waren, einsehen und prüfen“. Uli Hoeneß war Vorsitzender des Aufsichtsgremiums und hatte in eigenen Angelegenheiten derlei Pflichten bis an die Grenze der strafrechtlichen Schuldunfähigkeit hintangestellt. Person und Amt passten schon lange nicht mehr zusammen.

Erstaunlich daran ist, dass das Gremium sich erst nach dem Urteil der Großen Strafkammer veranlasst sah, die Personalie anzufassen; in Krisensitzungen, wie die Medien zu berichten wussten. Dabei hatte Hoeneß bereits im Mai vergangenen Jahres dem Aufsichtsrat das Ruhen seines Amtes angeboten, und dieser hatte das Mindestangebot zurück gewiesen.

Die Begründung damals lautete, dass die sportlichen Ziele des Clubs Vorrang hätten und eine Personaldiskussion nur unnötige Unruhe brächte. Obwohl das Verein und Unternehmen FC Bayern das alles seit geraumer Zeit erreicht hat – das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden kam erst wieder auf die Tagesordnung, als alles zu spät gewesen ist.

Vertretbare Vorwände für das seltsame Verhalten von Personen, die für ein Unternehmen mitverantwortlich zeichnen, gibt es sicher viele. Da ist zum einen die Konstruktion, dass der Präsident des „FC Bayern München e.V.“ in den Aufsichtsrat der Aktiengesellschaft kooptiert ist. Die so hergestellte Verbindung zum Verein und damit zu Ursprung und fußballerischer Seele des Geschäfts, hat sich als Fessel erwiesen: Wer am Aufsichtsrat rührte, hätte dies gleichzeitig an der charismatischen Position des Vereinsvorsitzenden getan.

Und es dürfte auch ziemlich unwahrscheinlich sein, dass Hoeneß seinen Kollegen den realen geldwerten Umfang seiner Spekulationen offenbart haben könnte. Denn die sind höher gewesen als der Wert der jeweiligen Beteiligungen von Audi, adidas und der Allianz SE am Kapital der Bayern-AG. Der Versicherer hat Berichten zufolge im Februar 110 Millionen für 8,33% gezahlt.

Aber gerade die Größenordnung offenbart eine Haltung, die als irreal bezeichnet werden muss. Denn was die Aufsichtsräte wie alle Welt wussten, ist: Gegen Hoeneß war nicht nur ein Strafverfahren eröffnet worden, sondern er befand sich nur dank einer Kaution von 5 Millionen Euro auf freiem Fuß war, und er hatte bereits fürsorglich 10 Millionen an Steuern nachentrichtet.

Geschäft geht vor Recht

Die Anklage war also jenseits der Rechtsfrage, unter welchen Umständen eine Selbstanzeige wirken könnte, sehr substantiell. Denn die Wirkung einer Selbstanzeige ist allenfalls strafbefreiend, der Unrechtsgehalt der Tat wird damit aber nicht beseitigt. Und es ist schon im Mai eine Anklage gewesen, die die steuerliche Kehrseite jener Prüfungspflichten aus dem Aktiengesetz bei juristischen Personen darstellt, die deren zu Organen zusammengefassten Vertreter persönlich wahrzunehmen haben. Gleichwohl hat der gesamte Aufsichtsrat dies alles nur als Personalie eingeordnet, die Nachrang zu sportlichen und damit unternehmerischen Zielen habe.

Wer diese Gleichgültigkeit um Pflichten an den Tag gelegt hat, sind nicht ältere Herren auf Versorgungsposten. Sie sind bei dem FC Bayern als AG die Vorstände von Audi und adidas, die die wirtschaftlichen Verbindungen repräsentieren. Oder ein ehemaliger Bayerischer Ministerpräsident, der die politische Seite nicht nur personifiziert, sondern herstellt. Honorig allemal, aber für welche Kontrollfunktionen stehen sie tatsächlich, wenn sie im eigenen Beritt eine, um es vorsichtig zu sagen: Äquidistanz zu Recht und Gesetz und deren Vollzug offenbaren?

Keine Frage: Der Werbewert des Fußballclubs ist derart, dass nun dessen Fans sogar auf verbilligte Versicherungspolicen hoffen dürfen. Ähnliche Gedanken mögen den Ausrüster adidas und den Fuhrparksteller Audi bewegt haben. Das mit dem Wert wohl als untrennbar erachtete Charisma des Machers Hoeneß macht aber auch deutlich, dass die von Gesetzen ausgehende Ordnungsfunktion, erst recht die der ultima ratio des Strafrechts, nicht zu den dringlichsten Prioritäten dieses Aufsichtsrats und seiner Mitglieder gehören dürften.

Uli Hoeneß hat einen deutlichen Schlussstrich gezogen. Den Rechtsweg nicht auszuschöpfen, ist in erster Linie der Verzicht auf ein Recht, das jedermann zusteht, egal welche Motive dem beigelegt oder angedichtet werden. Und er hat gleichzeitig seinen ehemaligen Kollegen im Aufsichtsrat der AG und dem Vorstand des Vereins die Peinlichkeit erspart, erklären zu müssen, warum sie seit Mai 2013 eine Hängepartie im ureigenen Verantwortungsbereich zugelassen haben.

Hoeneß hat damit den Weg seiner Resozialisierung beschritten. Dazu gehören Einsicht und Bewusstsein, Unrecht getan zu haben, um es in Zukunft zu vermeiden. Davon ist der Rest der Mannschaft des FC Bayern noch weit entfernt. Bis zur nächsten roten Karte. MS

[Erstveröffentlichung bei freitag.de, 15.03.2014, 11:08]

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