Teig mit irgendwas drauf

von Marian Schraube

Expo 2015 – Semiseriöse Lobhudelei an die Kräfte des Marktes kurz vor Öffnungszeit in Mailand

Waren Sie, liebe LeserInnen dieser Zeilen, in letzter Zeit wieder einmal bei Ihrem Lieblingsitaliener, -türken oder -griechen? Einfach so, mal nicht unterwegs in Sachen Völkerverständigung? Magensäfte sind ohnehin effektiver als jedes kulturelle Austauschprogramm – sie verdauen das Teil, egal ob es Pita heißt, Gözleme oder einfach Pane (wissen schon, das mit „Die Tribute für …“).

Dass man in Sachen „Brot“ jede Menge dont’s begehen kann, ist andererseits hinlänglich bekannt. Wehe man verwechselt das eine nationale Produkt mit dem anderen im falschen Lokal. Garantiert spuckt dann der Wirt in der Küche einmal ins Mahl, bevor er es mit zähneblitzendem Lächeln serviert. In Deutschland, diesem Land der Dichter und Denker, vollzieht es sich schon auf der Ebene der eigenen Sprache: Sagt jemand „Semmel“, landet er, in diesem Land der Enzyklopädisten, unweigerlich bei einer „Unterart von Brötchen“. Was kann das bloß für ein Mensch sein, der derlei nicht nur im, sondern sich auch noch nährenderweis zum Mund führt.

Dabei hat die Frage nach Brot genauso wie die nach Lohn eigentlich vielfach an Interesse verloren. Interessanter scheinen ja Zuschläge, Zulagen, Prämien, sprich: das was noch draufkommt. Der Belag kostete mich 1989 in Leipzig kurz nach dem Mauerfall fast den Glauben am Guten im Menschen. Nach den Verständigungsschwierigkeiten zwischen Bemme und  besagten Semmeln ging es um das Wesentliche. Auf meine dahingeworfene Bestellung in der Metzgerei, „bitte zwei Scheiben Wurst drauf“, ging die nette Dame etwas skeptisch, aber schulterzuckend daran, mit dem Messer fingerdicke Trümmer einer der beiden vorfindlichen Sorten herunter zu schneiden.

Der fiese Kulturimperialist MS hatte schlicht nicht ins Kalkül gezogen, dass „Scheibe“ und „Wurst“ unter anderen Bedingungen auch eine andere Bedeutung haben könnten, vom Sächsischen einmal abgesehen. Garantiert lag das daran, dass -die Wiedervereinigung lag noch in den Windeln- noch keine rechnergestützte Wurstaufschneidemaschine den Weg über die Grenze gefunden hatte, um aufs Mikrogramm den Kundenwunsch vorauszuschneiden. Und weswegen immer noch oder schon wieder im Osten Deutschlands Schmalhans Küchenmeister ist.

Expo Mailand und das Schaulaufen von Panem

Denn für die Kräfte des Marktes sind das alles natürlich nur Sperenzchen, man muss sich nur anpassen. Den Beweis liefern alle paar Jahre die industriellen Selbst-  als Weltausstellungen, kurz Expo genannt. Dieses Jahr in Mailand zu Gast, trägt es den sinnstiftenden Titel „Feeding the Planet, Energy for Life“. Wie auch anders in dem Land, im dem Slow-Food nicht nur erfunden wurde, sondern mit Eataly mit einer Marke aufwartet, die mittlerweile für den gehobenen Geldbeutel bis in die Schranne in München reicht. Und Power haben Italiener ohnehin jede Menge, man frage nach bei der Marke mit dem Pferdchen im Logo.

Natürlich wächst bei solchen Gelegenheiten zusammen, was zusammengehört: Die Mafia-Filiale ‘Ndrangheta, die endlich mit den Bauarbeiten die Gelegenheit gefunden hat, sich im Norden des Landes zu verankern; willige Administratoren, die dem streng profitorientierten Ansinnen mit Bauvergaben gerne nachkamen; Politiker, die sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, ein Großprojekt durchziehen zu können, auch wenn sonst nichts vorwärts geht – alles unter der Urdevise des Gebens damit gegeben wird. Und weil Geld bekanntlich nicht riecht.

Nur einer will sich partout nicht daran halten, weswegen er den Italienern stinkt, obwohl er einer der Hauptsponsoren des Events ist (und auch sonst bei Festivitäten gesunder Ernährung wie Olympiaden gern gesehen). Der bekannte Burger-Brater mit Sitz in Oak Brook/Illinois meinte Anfang des Jahres, sich an einer der sakrosankten kulinarischen Institutionen vergreifen zu können. In einem seiner Spots lautet die ketzerische Frage an den kindlichen Kunden: „Welche Pizza hättest Du gerne?“ Antwort: „Dein Sohn hat keine Zweifel! Happy Meal. Immer für 4 €“.

Das hat natürlich einen Sturm ausgelöst. Im Parlament zu Rom wurde nicht nur laut gegen den Spot gewettert („Beleidigung der Pizza“), sondern die Netzbehörde aufgefordert, ihn offline zu nehmen. Mit ähnlicher Begründung stellte der Ex-Grünen-Chef Alfonso Pecoraro Scanio bei change.org eine Petition ein: „Zieht eure Werbung zurück, sie beleidigt die Öffentlichkeit und das Made in Italy“.

Dank dieser Aufregung (immerhin ist die Pizza Kandidatin zum UNESCO-Weltkulturerbe) ist die Verwurschtwerbung in aller Munde, allein schon, wie hier, aus strengen Dokumentationszwecken. Aber im Land der Gaukler und Komödianten mit einem Twist:

Was hier kurz vor Toröffnung in Mailand gesagt (und in den englischen Untertiteln nur ungenügend wiedergegeben) wird, ist im besten neapolitanischen Dialekt: „Papa, was wollen wir mit dem Mist? Ich will eine Pizza“ – „Dein Sohn hat keine Zweifel: Pizza wie ein Geldbeutel, 1 Euro, 1 Euro fuffzig“. Ach Kindermund, er tut doch noch Wahrheit kund.

Dass Italiener das Zwischendrin statt obendrauf grundsätzlich ablehnen würden, wird sich nicht behaupten lassen. Blogger Egidio Cerrone aka Puok e Med, der den Spot („im Namen aller Neapolitaner“) angeschoben hat, ist wie viele seiner Landsleute bekennender „Panino“-Fan: Eben jener zwei Scheiben Brot, allerdings mit Kreativität belegt, frisch zubereitet, alles andere als industriell. So dass dann auch das Brot selbst wieder zu Ehren kommt. Statt labbrigem irgendwas, eine schöne Rosetta oder Michetta oder ein Polnisches (was unseren Sternsemmeln entspricht). Bei Milchbrot schmeckt die Süsse der Sahne. Wer die Texte von Puok e Med nicht lesen kann, kann sich von den Bildern verführen lassen: Ein wenig Schaufenstern vor der Show. Auch weil „Brot“ kein Themencluster der „Welt“ausstellung ist.

Wie die Messe Frankfurt als Ausrichterin des Deutschen Pavillons dazu steht, werden wir nie erfahren. Denn wie immer stehen wir ja über den Dingen. Zur steingewordenen Präsentation unserer Fähigkeiten heißt die Devise im Imagefilm: „Erholung mit Weitblick“. Und: „Nachhaltiger Konsum in einer urbanen Welt“.

Scharf nachdenken, liebe Dichter: Nachhaltig – Konsum – Weitblick. Urban. Alles klar. Wenigstens in diesem Land, wo die neueste Kreation „Pizzaburger“ heißt und von einem veritablen Onkel Doktor verschrieben wird. Als „Fingerfood für Fäuste“. Sorry Doc, das konnte schon Bud Spencer besser.

Ach, wären wir doch bloß beim Bierbrauen geblieben.MS

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