Der Stifteverkäufer von Beirut

von Marian Schraube

Social Media – Ein Spendenaufruf für einen syrischen Flüchtling und die Folgen

Sein Foto ging Ende August 2015 um die Welt. Ein allein erziehender Vater, der auf dem rechten Arm seine schlafende Tochter hielt und mit der anderen Hand Kugelschreiber feilbot zwischen stehenden Autos im Straßenverkehr der libanesischen Hauptstadt, wurde schnell zum Inbegriff.

Abdul Halim al-Attar und Reema waren bis dahin „nur zwei weitere syrische Flüchtlinge“ gewesen, schrieb dazu CNN. Anonym und in einem Land, das ein Drittel kleiner ist als Schleswig-Holstein, aber zu den rund 6 Millionen Einwohnern (Schleswig-Holstein: 2,841 Mio.) etwas mehr als 1,8 Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat. Nach letzten Zählungen der UN-Flüchtlingshilfe (UNHCR) stammt eine Million von ihnen aus dem schwer umkämpften Syrien. Wer dann in Tripolis, Tyros oder Beirut ankommt, ist meist auf sich selbst gestellt.

Abdul al-Attar hatte märchenhaftes Glück. Sein Bild der Verzweiflung, von dem Gründer der Info-Plattform Conflict-News Gissur Simonarson, aka @GissiSim, auf Twitter Ende August 2015 verbreitet, fand spontan riesige Resonanz. Zu massenhaft Retweets und Likes kamen im Minutentakt Anfragen, wie geholfen werden kann. Ebenso schnell wurde die Hilfe konkret. In nur wenigen Tagen wurde mit Abdul al-Attar persönlich gesprochen, und Simonarson legte über die Plattform „generosity“, einem Ableger von Indiegogo, einen Spendenaufruf auf: „Help Abdul and Reem start a new life„. Begleitet wird die Aktion seitdem über den Twitteraccount @Buy_Pens.

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Das Ziel des Crowdfunding von 5.000 USD war schon nach 30 Minuten erreicht. Weil der Aufruf aber auf über einen längeren Zeitraum lief, war das Ergebnis überwältigend: 191.652 USD. Die Lotterie des Lebens, wie es die Floskel will, hatte tatsächlich Gewinner. Mit Abdul die Tochter Reema, aber auch Sohn Aboudi – er ist nur wenig bemerkt geblieben, seine Fotos sind nicht so populär.

Eine Wohnung, Schule für die Kinder, Papiere für den Status. Aber mehr noch machte Furore, dass Abdul, früher Arbeiter in einer Schokoladenfabrik in Damaskus, sein Glück teilen wollte. Die Eröffnung einer Bäckerei und zweier Speiselokale in Beirut bedeutete laut Medienberichten Anfang Dezember die Anstellung von 16 weiteren Syrien-Flüchtlingen. Bei Mashable („The latest happenings in social media“) waren das mehr als 80.000 shares. Und bei Focus-online der Anlass, unter dem Stichwort „Mitgefühl“ der Solidarität unter Flüchtlingen Aufmerksamkeit zu schenken.

Aber wie in jedem Märchen gibt es bekanntlich eine böse Stiefmutter. In diesem Storyboard hat Carol Malouf (@carolmalouf) die Rolle übernommen. Die Libanesin hatte zu Beginn von #BuyPens etwas vorzuweisen: Derselbe Sender Sky News Arabia, der die Geschichte vom Stifteverkäufer von Beirut und den Spendenaufruf im arabischen Raum bekannt machte, honorierte auch die Arbeit der Flüchtlingshilfe „Lebanese4Refugees“ (L4R). Malouf trat zu der Zeit als deren Koordinatorin auf. Seitdem ist sie Mittlerin zwischen Simonarson und der Familie al-Attar, für die sie eigenen Angaben zufolge nicht nur bürokratische Hürden nahm, sondern für Abdul auch persönlich eine Bürgschaft übernommen habe.

Das Bild der selbstlosen Patin hat allerdings vorigen Montag einen hässlichen Riss bekommen. Der in mehreren arabischsprachigen Ländern ausstrahlende Privatsender Al Jadeed brachte in seiner Nachrichtensendung eine Reportage zu Abdul al-Attar (Video ab Minute 1:04:33). Höhepunkt: Ein mitgeschnittenes Telefonat (ab Minute 1:07:02) mit Carol Malouf, in dem sich al-Attar nach ausstehenden Geldern erkundigt. Die Rede ist dabei unter anderem von 71.000 USD aus der Spendenaktion, die Abdul noch nicht zur Verfügung gestellt wurden.

Statt zur Klärung der Sachlage beizutragen, erging sich Malouf in wüsten Beschimpfungen und der Drohung (die Links führen zu zwei Videos bei Twitter, wo der Inhalt des Telefonats mit englischen Untertiteln versehen ist), sie würde dafür sorgen, dass al-Attar ins Gefängnis kommen oder deportiert werde. Völlig unklar bleibt, welche Beträge al-Attar tatsächlich zugeflossen sind und welche Summe Malouf zurückhält für den Fall, dass ihre angebliche Bürgschaft wirksam wird. Von einer solchen Garantie will al-Attar wiederum nie etwas gehört haben.

Dass ein ganz erheblicher Teil der Spenden Abdul al-Attar nicht erreicht hat, hat Gissur Simonarson Dienstagabend auf Twitter eingeräumt. Als Folge des Shitstorms in Social-Media-Kanälen legte er eine Art Rechenschaftsbericht ab und Dokumente vor. Hieraus würde sich ergeben, dass rund 97.000 USD an Malouf gegangen seien.

Simonarson gibt weiter an, dass von diesem Betrag 65.000 USD an al-Attar in bar ausgehändigt worden seien. Über den Rest sind die Angaben unpräzise.

Malouf, die die Kontroverse auf Twitter verfolgt und mit launigen Bemerkungen auflockert, hat der Darstellung nicht widersprochen. Mindestens 18.000 USD befinden sich demnach noch in ihrem Besitz.

Der weitaus größere Teil, den Abdul al-Attar im Telefonat angesprochen hatte, nämlich rund 71.000 USD, liegt aber immer noch auf einem Paypal-Konto, über das Gissur Simonarson alleine verfügt. Seine Begründung: Er habe noch keinen Weg gefunden, das Geld aus dem Paypal-Kreislauf loszueisen. Ein Transfer in den Libanon sei ausgeschlossen, weil das System dort verboten sei. Eine Überweisung auf das eigene Konto bei einer anderen Geschäftsbank verbiete sich, weil der norwegische Staat darauf rund 45% Steuern erheben würde. Und schließlich sei auch der Versuch über eine Gewährsperson in Dubai fehlgeschlagen, der der Betrag vom 23. November 2015 bis 18. April 2016 überlassen worden war.

Richtig gruselig ist es aber nun geworden, da Simonarson gegenüber der online-Plattform indy100, einer Ausgründung des britischen The Indipendent, seine Zweifel angemeldet hat, ob Abdul al-Attar „überhaupt jeden Penny erhalten soll“, der gespendet wurde: „… it’s not clear what to do with it now.“ Eine derartige Haltung hat auch Carol Malouf erkennen lassen, die seit dem Ausbruch der Auseinandersetzung behauptet, al-Attar habe sich mit den falschen Leuten eingelassen, Geld verprasst und sogar Schulden gemacht.

Der Gedanke, dass der Aufruf einmal „Help Abdul and Reem start a new life“ hieß und nicht „as Simonarson and Malouf think it should be“, scheint sie nicht zu streifen. Dafür haben Sie hauptsächlich eines unter Beweis gestellt: Alleine für die Spendenplattform Indiegogo und für Überweisungen sind rund 10% der zugewendeten Gelder verbraucht worden. Und seit 8 Monaten befindet sich mehr als die Hälfte des nach Abzug dieser Kosten verbleibenden Betrages in der eigenen Verfügungsgewalt derjenigen, die für eine, vor allem: schnelle Auszahlung zu sorgen hätten. Ein Happy-End ist nicht in Sicht.

Simonarson und Malouf haben es geschafft, sich zwischen alle Stühle zu setzen: Spender, die die Professionalität hinterfragen, ein Spendenempfänger, der begreiflicher Weise aufgebracht ist, und ein Social-Media-System, das hinsichtlich dieser Form des Fundraisings in Misskredit gebracht worden ist. Das ist kein Märchen, sondern maximale Schadensbeschreibung.

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