Von der Gerontokratie und anderen Ammenmärchen

von Marian Schraube

Brexit – Das Narrativ, dass „die EU mehr spaltet als eint“, wird kräftig unterstützt. Auch und erst recht durch Leitmedien und nun mitten durch Generationen.

Derzeit ist viel davon zu lesen, dass „die Alten“ im Vereinigten Königreich „die Jungen“ ausgebremst und deren Zukunft verbaut hätten. Huffington Post titelt hart: „EU Referendum Results – Young ‘Screwed By Older Generations’ As Polls Suggest 75% Backed Remain.“ Das basiert auf einer Mitteilung, die dem Marktforschungs- und Beratungsinstitut YouGov zugeschrieben wird und am Morgen des 24. Juni ab ca. 08:00 Uhr MESZ in Windeseile per Social-Media verbreitet wurde.

Tatsächlich ist das Schaubild das Produkt eines unbekannten Autors, der sich der am 21.6. veröffentlichten Erhebungen von YouGov bedient hat, die freilich ganz andere Aussagen traf. Erkennbar wäre die zweifelhafte Urheberschaft alleine schon daran gewesen, dass der Satz „Those who must live with result of the EU …“ eine politische Affirmation darstellt, die dem Institut bislang jedenfalls fremd ist. Gleichwohl haben auch sonst so kritische Rezipienten wie der sehr bekannte Moderator des ORF Armin Wolf den Tweet zur Vervielfältigung bereit gestellt.

Endgültig relativiert wurde die Aussage aber mit der Einfügung der Wahlbeteiligung in den jeweiligen Altersgruppen:

Soll uns das jetzt sagen, dass „die Jungen“ doch selbst schuld sind? Weil sie sich auf dem Aquis ihrer Zeit ausgeruht haben, statt sich offensiv für ihre Freiheiten einzusetzen?

In der Schweiz gab es 2009 eine ähnliche Situation. Als das sogenannte Minarettverbot zur Volksabstimmung stand, war hinterher das Zähneknirschen ebenfalls groß. Die taz seinerzeit: „Nach der völlig überraschenden Mehrheit von 57,2 Prozent für ein Minarettverbot in der Schweiz stellt sich die Frage, wer diejenigen waren, die am Sonntag für das Referendum gestimmt haben.“ Die Antwort, ebenda: „Ausschlaggebend für die Mehrheit gegen Minarette in der Schweiz war laut Forschern die Zustimmung von linksgerichteten Frauen.“

Die vor allem unter deutschsprachigen Linken einsetzende Kolportage „die Frauen natürlich„, die zum Beispiel ein heutiger stellvertretender Chefredaktor des vorgeblich linken Wochenblattes „der Freitag“ gänzlich unironisch weiterspann, zeigt, dass an der Sache selbst eigentlich gar kein Interesse bestand. Denn es hätte ein Blick zur Quelle gereicht, einem Interview vom 29.11.2009 bei Le Temps, um deutschsprachige Analysen in Teilen als schiere Phantasieprodukte zu erkennen.

Im Fall der helvetischen Konföderation war aber die propagierte Wirkung, dass selbst progressive Kräfte an einer Rückständigkeit des Islam verzweifeln würden. Mittlerweile gehört „linke Weiber ausknocken“ zum Standardhassrepertoire in Social-Media. Im Fall des Vereinigten Königreichs wäre es nun die, dass jene Generation, die Europa mühsam aus Trümmern, dann EWG über die EG hin zur EU aufgebaut haben, aus egoistischen Motiven oder aus Gründen der Senilität das eigene Gewerk wieder einreißen würden.

Beide Aussagen haben eines gemeinsam: Sie lenken die Aufmerksamkeit auf Nebenschauplätze, statt die Autoren der jeweiligen Begehren fest im Blick zu behalten. In der Schweiz war es die SVP, allen voran die Herren Blocher und Köppel. Sie sind, aus einer vorgestellten Alpenfestung heraus, die zudem basisdemokratisch aufgestellt wäre, die Speerspitze eines in jeder Hinsicht unverschämten paternalistischen Revivals, das an Faschismus grenzt.

Im VK sind es die Tories und dabei vor allem zwei Männer, die gemeinsam in Oxford studiert haben, zur britischen sogenannten Elite gehören und zur Generation der Kinder der EWG-Gründer. Cameron wie Johnson sind das Produkt einer Wohlstandverwahrlosung, die selbst alle Privilegien genießt, den Bürgern aber einfache Errungenschaften nimmt: Johnson wird mit seinen 2 Staatsbürgerschaften -er besitzt neben der des VK auch die der USA- immer die Ankunft in der Fremde genießen dürfen, während demnächst die von ihm Regierten ein Visum benötigen könnten, um auch nur in Frankreich anzulanden.

Als verwöhnte Kinder haben diese beiden Spitzen der Conservative Party erkannt, dass ihr eingefleischtes Laissez-Faire nirgendwo mehr hinführt: Es wirft nicht einmal mehr auf dem Kapitalmarkt die Zinsen ab, von denen sie leben könnten. Sie haben die Antwort gefunden, die ihren eigenen Stil, ihre Lebensgewohnheit nicht beeinträchtigt, dafür aber den der Leute. Machtpolitisch entspricht sie dem alten Satz von divide et impera.

Wer sich mit Fragen der Alterung einer Gesellschaft tatsächlich auseinander setzen wollte, könnte gegebenenfalls danach fragen, welche altersbedingten Bedürfnisse die Dynamik heutiger westeuropäischer Gesellschaften und Politiken beeinflussen. Der Historiker Achim Saupe etwa ist der Entwicklung „Von ‚Ruhe und Ordnung‘ zur ‚inneren Sicherheit‘„, einem Kernbegriff heutiger nationaler und EU-Politiken, nachgegangen. Sein Befund von 2010, der auf die psychologische Dimension der Semantik der „inneren Sicherheit“ aufmerksam macht und sie zur „Wahrnehmung einer neuen Konzeption des Verhältnisses zwischen Staat und Individuum“ erklärt, ließe sich aus der mittlerweile gegenläufigen Perspektive aufrollen: Ob Sicherheit nicht eventuell von einem erhöhten Ruhebedürfnis abgelöst wird.

Eine solche Fragestellung wäre vor allem für Deutschland, Italien oder Österreich besonders pertinent, da sie im Vergleich zum Vereinigten Königreich eine fast 6 Jahre ältere demographische Struktur aufweisen.

Genau das aber wird nicht geleistet oder auch nur im Ansatz die Herkunft des Wählerwillens im VK nachgegangen. Im Gegenteil: In einer mehr als merkwürdigen Anwandlung hat Georg Diez sein Stück „Der Beginn einer neuen Ordnung“ bei Spiegel-online mit Blick „auf diesen gerontischen Kontinent“ mit der Affirmation geschlossen: „Wenn Europa seine eigenen Werte verrät, ist es nicht Wert zu überleben.“

Das ist ein paar Tick härter als bei dem Kabarettisten Guido Tartarotti, der im Wiener Kurier, statt Arthur Koestler bei Diez, die eigenen Großeltern als Vergleichsmaßstab aufzählt. Bei beiden geht es um „Wahrheit“: Während der eine sie als „Tochter der Angst“ bezeichnet, ist es bei dem anderen kraft der Wassersuppe seines Magazins, seit Anfang vergangenen Jahres vorgeblich im Dienst der Wahrheit zu stehen, nämlich keine Angst davor zu haben.

Entsprechend entspannt geht der Österreicher damit um, während Diezens Elaborat geradewegs in die apokalyptische Untergangsvision eines minderbegabten Postkartenmalers aus Braunau mündet, im Nerobefehl. Die Begründung des GröFaZ: „Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das deutsche Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil, ist es besser, selbst diese Dinge zu zerstören.“

Wie also wäre es, noch vor allem anderen, ein paar Basics anzuschauen? Wenn in der Präambel zu den römischen Verträgen steht, „entschlossen, durch gemeinsames Handeln den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt ihrer Länder zu sichern, indem sie die Europa trennenden Schranken beseitigen“, dann ist das eine konkrete Zielformulierung. Das wird noch deutlicher „in dem Vorsatz, die stetige Besserung der Lebens- und Beschäftigungsbedingungen ihrer Völker als wesentliches Ziel anzustreben.“ Dazu braucht es keiner Wertediskussion, sondern ein Tun und die schonungslose Überprüfung des Ergebnisses am Maßstab der gesetzten Ziele.

Sie zu verfehlen oder sie überhaupt nicht mehr zu verfolgen ist Teil der „sterbenden Glaubwürdigkeit und schnell erodierenden Einflussmöglichkeiten westlicher Establishments“. Das dadurch entstehende Vakuum, schreibt Glenn Greenwald in seinem jüngsten Beitrag zum Brexit für The Intercept, ist vor allem eine Krise von Autorität und „öffnet den Raum für die hässlichsten Impulse: Fremdenfeindlichkeit, Autoritarismus, Rassismus, Faschismus“. Seine schonungslose Analyse nimmt arrivierte Medien nicht aus, weil sie selbst politische Akteure ersten Ranges sind.

„Brexit — despite all the harm it is likely to cause and all the malicious politicians it will empower — could have been a positive development. But that would require that elites (and their media outlets) react to the shock of this repudiation by spending some time reflecting on their own flaws, analyzing what they have done to contribute to such mass outrage and deprivation, in order to engage in course correction.“

Dem ist, anders als zum neuen deutschen Kursbuch „Untergang 2.0“, nichts hinzuzufügen.

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